Warum so oft Probleme mit der Rechtschreibung?

 

Viele rechtschreibschwache Kinder suchen den Fehler bei sich und denken sie wären nicht klug genug, wenn sie so viele Fehler beim Schreiben machen. Sie kommen von sich aus gar nicht auf die Idee, dass eigentlich unsere Rechtschreibung das wirkliche Problem ist - weil diese nämlich oft unklug und unlogisch ist!

 

Denn abgesehen von wahrnehmungsgebundenen Teilleistungsbeeinträchtigungen (siehe "Was ist Legasthenie?") gibt es nämlich auch das weit verbreitete Phänomen eher didaktogen verursachter Rechtschreibschwächen. Diese werden neben ungeeigneten Fibeln etc. unter anderem auch unbewusst durch den gut gemeinten Rat „Schreib das Wort so, wie du es hörst.“ mitverursacht. Leider stiftet dieser "Rat" aber mehr Verwirrung der Kinder als Verbesserung ihrer Rechtschreibung. Hierzu eine Erklärung:

 

Der Schriftsprachenerwerb entwickelt sich in verschiedenen Phasen.

 

Wenn das Kind in der alphabetischen Phase ist, hat es prinzipiell schon verstanden, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Lauten, die man hört, und Schriftzeichen, die man schreibt (Phonem-Graphem-Korrespondenz). Hier hilft dieser Rat.

 

Allerdings nur bedingt, da die deutsche Sprache keine 1:1-Zuordnung der Phonem-Graphem-Korrespondenz aufweist, sondern dies etwa bei lediglich 60 Prozent aller Wörtern der Fall ist (dies tritt noch deutlicher in anderen Sprachen wie Englisch zutage).

 

Man müsste in dieser Phase ausschließlich lautgetreues Wortmaterial verwenden und darauf achten, dass dem Kind keine phonotaktischen Fallen zum Verhängnis werden können. Dies ist leider meistens nicht der Fall. Vor allem das „E“ bereitet vielen Kindern Schwierigkeiten. Der Anfangslaut von „Elefant“ hört sich nun einmal ganz anders an, als der bei „Ente“ oder „Esel“. Wenn das Kind dann versucht aus „EEE“ „N“ „T“ „EEE“ eine „Ente“ zu machen oder aus „EEE“ „S“ „EEE“ „L“ den Esel und nicht „hört“, welches Wort das sein soll, stolpert es das erste Mal.

 

Vielen Kindern gelingt dieser Prozess ohne Probleme, aber eben nicht allen.

Gerade Kinder, die sehr gut und genau hören können, haben in dieser Phase Schwierigkeiten. Allerdings nicht, weil sie nicht genau hinhören, sondern weil sie viel genauer als andere Kinder hinhören! Das betrifft im Schnitt etwa zwei Kinder pro Schulklasse.

 

Ein eher visuelles Kind verlässt sich auf seine starke Seite (seine Augen), speichert das Wortbild ab und lässt sich nicht vom Gehörten verwirren. Ein eher auditives Kind hört beispielsweise sehr wohl den Unterschied zwischen den verschiedenen Lauten, die wir alle mit dem Buchstaben „E“ bezeichnen und ist dann zu Recht verwirrt, wenn es sich denkt, dass sich das ja alles ganz anders anhört.

 

Wenn es diese verschiedenen Laute dann alle mit dem gleichen Schriftzeichen übersetzen soll, ist es zu Recht noch mehr verwirrt, weil es sich nicht auf seine starke Seite (seine Ohren) verlassen kann.

 

Auf der nächsten Stufe, der orthographischen Phase, stiftet der vermeintliche Ratschlag zu schreiben, was man hört, noch mehr Verwirrung. Eine Dehnung kann ich beispielsweise durch einen Doppelvokal verdeutlichen (Zoo, Beet), ein langes I (Ziege, spielen), ein stummes H (ihm, froh), einen langen Vokal zusammen mit einem stummen H (ziehen, fliehen) oder gar nicht (mir, Kino, Tiger, Maschine).

 

Durch die Auslautverhärtung höre ich zwischen „Welt“ und „Hund“ am Wortende keinen Unterschied, von v – f – ph gar nicht zu reden, ks und x hören sich auch gleich an (Keks, Hexe), das ä bereitet Probleme, weil es sich wie ein e anhört, die Dopplungen sind auch schwierig, die Groß- und Kleinschreibung höre ich sowieso gar nicht und und und…

 

Hierzu nachfolgend eine kleine Übung, falls Sie selbst Lust auf ein Diktat haben (vgl. Fröhler, Horst (2009): Neue Wege in der Rechtschreibdidaktik. Schluss mit Problemen in Rechtschreiben. Wien: HF Verlag, S. 46):

 

B-E-T-E    D-E-N-E-N    M-E-R-K-T-E

K-A-N-T-E

 

Auf wie viele Möglichkeiten kommen Sie?

Beete, Bete, bete, bäte, bähte

denen, dehnen

Märkte, merkte

Kante, kannte

Diese Wörter könnte man alle „hören“.

 

Auch der Kontext hilft Volksschulkindern nicht, da sie sich noch so auf verschiedene Recodierungsprozesse konzentrieren müssen, dass sie nicht gleichzeitig den Sinn eines Textes erfassen können. Dies ändert sich erst in einer späteren kognitiven Entwicklungsstufe mit ca. 10 bis 12 Jahren (vgl. Entwicklungsstufen Jean Piaget - formal-operationale Phase), aber bis dahin sollte laut schulischen Anforderungen die Rechtschreibung ja schon einigermaßen gefestigt sein. (Auch als Erwachsener werde ich manchmal nicht aus dem Zusammenhang schlau, z.B. „Die sechs Tanten / Sextanten waren in einem erbärmlichen Zustand.“)

 

Wir Erwachsenen, die ja schon die entsprechende Orthographie eines Wortes im Kopf haben, wenn wir es dem Kind ganz laut und deutlich vorsprechen, glauben zwar Unterschiede hören zu können, aber eben nur deshalb, weil wir schon wissen, wie man ein Wort schreibt.

 

Ein Kind in einem frühen Lernstadium „hört“ es einfach nicht, weil es ja noch gar nicht weiß, wie man dieses Wort richtig schreibt!

 

Rechtschreiben erfordert daher unbedingt auch visuelle Strategien. Manche Kinder wenden diese von sich aus an und sind gute Rechtschreiber, manche tun es nicht (weil sie sich stets auf ihre Ohren verlassen) und sind schlechte Rechtschreiber.

 

Der sinnvollste Ratschlag wäre:

Viele Wörter schreibt man ganz anders, als man sie hört - denke in Ruhe nach und überlege.

 

Ist es ein Mitsprechwort? Dann darfst du es so schreiben, wie du es hörst. (Melone, Salami,...)

Ist es ein Nachdenkwort? Dann gibt es einen Trick, den du anwenden kannst.

(zB. Apfel - Äpfel/Ableitung, Ofen - offen/lange und kurze Vokale, fließen - floss/lange und kurze Vokale, versprechen/Vorsilbe "ver", Hund/Auslautverhärtung - Wort verlängern - Hunde,...)

Ist es ein Merkwort? Dann musst du es auswendig lernen. (Physik, T-Shirt, wider/wieder,...)

 

In dieses „große Geheimnis“ weihe ich alle meine Lernkinder zuerst ein, wenn ich ihre Lernbetreuung übernehme.

 

Denn bisher hat sich noch selten ein „Augenkind“ in meinen Lernraum verirrt, die sind von Haus aus gute Rechtschreiber und Lerner. Aber nicht weil sie klüger, strebsamer oder begabter als andere Kinder wären, sondern weil sie einfach Glück haben, dass in der gängigen Unterrichtspraxis für ihren Typ entsprechend die meisten Angebote gemacht werden.

 

Zu mir kommen die „Ohrenkinder“ (schlechte Rechtschreiber), sowie die „Hand- und Hüpfkinder“, die alles selbst angreifen, ausprobieren, erforschen und herausfinden wollen, dabei springen und zappeln – man kann sich schon denken, dass diese Kinder in unserem Schulsystem die wenigsten Anregungen erhalten und am meisten „stören“…

 

Es ist vor einer Lerntherapie daher unumgänglich abzuklären, in welcher Phase des Schriftsprachenerwerbs sich das Kind aktuell befindet und welche Strategien es bisher verwendet hat. Diese Phasen überschneiden sich vor allem während der ersten beiden Schuljahre häufig und es ist äußert wichtig, dem Kind sehr deutlich klar zu machen, dass diese unterschiedliche Strategien verlangen. Auch später verlangen verschiedene Wörter nach differenzierten Rechtschreibstrategien.

 

Bei älteren Schülern treten Rechtschreibprobleme häufig dann auf, wenn sie noch an der alphabetischen Strategie festhalten, im schulischen Kontext aber schon in einer anderen Stufe wie der orthographischen oder morphematischen sein sollten und diesen notwendigen Strategiewechsel nicht adäquat umsetzen konnten. Sie schreiben dann nach wie vor alle Wörter so, wie sie sie hören. "Fühsig" für "Physik" oder "Akrülfabe" für "Acrylfarbe" wären hier Beispiele. Lautgetreu eigentlich richtig geschrieben, aber halt leider nicht rechtschreibkonform.

 

Beim Wechsel von einer Phase zur nächsten muss man die Kinder gut begleiten und ihnen den damit verbundenen Strategiewechsel bewusst machen, da hier die häufigsten Stolperfallen auftreten können. Ebenso wichtig ist es auch, kontrastive Rechtschreibübungen zu vermeiden!

 

Nicht nur legasthenen Kindern bereiten diese Gegenüberstellungen sehr große Probleme, weshalb sie in einem didaktisch gut aufbereiteten Setting konsequent vermieden werden sollten.

Die meisten Schulbücher und im Handel erhältliche Übungsreihen bauen allerdings darauf auf, welhalb man durch häufiges Üben einem Kind paradoxerweise sogar noch mehr Rechtschreibprobleme antrainieren kann.

 

Deshalb hilft der gut gemeinte Ratschlag: "Er/sie müsste ja nur mehr üben!" nach einem allgemeinen Gießkannenprinzip leider nicht viel, wenn man nicht genau weiß, was vom Kind eigentlich wie geübt werden soll. Hier setzt eine umfassende Förderdiagnostik an und sollte in weiterer Folge evidenzbasiertes Übungsmaterial zum Einsatz kommen.