Wie gehe ich mit der Situation um?

 

Vermeiden Sie bitte jegliche Schuldzuweisungen!

Diese helfen niemandem. Ihr Kind ist bestimmt nicht faul oder stellt sich absichtlich so an, um irgendjemanden zu ärgern. Es will lernen und gute Noten haben, auch wenn gerade Jugendliche oft das Gegenteil behaupten.

 

Auch Sie selbst trifft keine Schuld, denn Sie haben Ihr Kind bestimmt bestmöglich gefördert und in seiner Entwicklung begleitet.

 

Aber auch die Lehrperson ist nicht für diese Situation verantwortlich. Bei 20 bis 30 Schülern in einer Klasse kann man unmöglich auf jedes Kind individuell eingehen, es entsprechend seinen Begabungen und Voraussetzungen fördern und trotzdem den geforderten Lehrplan und Kompetenzenkatalog zur Gänze bearbeiten.

 

Schlüpfen Sie zu Hause bitte nicht in die Rolle des „Be-Lehrers“, der dem Kind die schon in der Schule nicht verstandenen Inhalte immer wieder und wieder eintrichtern will. Denn Ihr Kind braucht Sie als Mutter oder Vater, die es in dieser schwierigen Situation unterstützen und begleiten und nicht als weiteren Lehrer. Darüber hinaus ist die für Sie passende Lernstrategie vielleicht nicht unbedingt gleich gut für Ihr Kind geeignet, was ein weiteres Konfliktpotenzial darstellt.

 

Versuchen Sie den Selbstwert Ihres Kindes zu stärken und die vielleicht auch noch so kleinen Lernfortschritte anzuerkennen. Ihr Kind hat ganz bestimmt viele tolle und liebenswerte Eigenschaften. Versuchen Sie diese wieder verstärkt zu sehen, anstatt den Fokus auf den negativen Schulleistungen zu haben. „Schule“ ist ein wichtiger Teilbereich im Leben der Kinder, aber eben nur ein Teilbereich.

 

Bleiben Sie geduldig und gestehen Sie Ihrem Kind Zeit zu, um seine Defizite nachhaltig aufzuholen. Manche Kinder müssen etwas monatelang üben, bis sie es wirklich verstanden und automatisiert haben. Erst dann kann man zum nächsten Schritt weitergehen. „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“

 

Dass man sich trotzdem Sorgen um die (berufliche) Zukunft seines Kindes macht, kann ich gut nachvollziehen, da ich selbst Mutter eines legasthenen Kindes bin. Wobei gute Schulnoten keine dauerhaften beruflichen Garantien darstellen, ein Wissen um die eigenen Kompetenzen, der Umgang mit all seinen Stärken und Schwächen, sowie ein gutes Selbstwertgefühl langfristig gesehen allerdings schon.

 

Ich weiß durch den Austausch mit Erwachsenen, die während ihrer Schulzeit Lernstörungen erkennen ließen, dass aus allen „etwas geworden ist“. Ihr Weg verlief meist nicht geradlinig und sie eckten in unserem Bildungssystem oft an, aber sie sind mittlerweile alle zufrieden in kreativen und handwerklichen Bereichen tätig oder erlangten akademische Grade in Disziplinen, die keinen sprachlichen Kontext aufweisen.

 

Einig sind sich alle allerdings in einem Punkt: sie hätten sich während ihrer Schullaufbahn mehr emotionalen Rückhalt, Verständnis und Unterstützung gewünscht.