Was sind Lernstörungen?

 

Zeitweilige Probleme beim Lernen sind ganz normal und betreffen jedes Kind hin und wieder. Vielleicht war es krank und hat viel Unterrichtsstoff versäumt, es gab eine schwierige familiäre Situation, es ist plötzlich in einer neuen Schule oder von häufigem Lehrerwechsel betroffen, die beste Freundin ist umgezogen, es ist verliebt…

 

Manchmal hat man den Kopf einfach nicht frei genug, um ihn zum Lernen zu gebrauchen. Diese Lernschwächen sind einem irgendwie erklärbar und relativ vorübergehend.

 

Von Lernstörungen hingegen spricht man, wenn ein Problem relativ konstant über einen längeren Zeitraum auftritt und massive Schwierigkeiten beim Erlernen der Grundlagen verursacht. Diese wachsen sich im weiteren Entwicklungsverlauf nicht aus, sondern sollten so früh wie möglich von qualifizierten Fachleuten behandelt werden.

 

Leider gibt es für Lernstörungen wie Legasthenie und Dyskalkulie keine neutralen Bezeichnungen, die nicht irgendwie etwas mit „Schwäche“ und „Defizit“ zu tun hätten und somit den Verdacht nahe legen, dass irgendetwas mit dem Kind nicht stimmt.

 

Bei umschriebenen Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten (F81.0 Lese-Rechtschreibstörung, F81.1 Isolierte Rechtschreibstörung, F81.2 Rechenstörung laut ICD-10-Code) tritt eine Diskrepanz zwischen den eigentlichen Fähigkeiten eines Kindes und den tatsächlich erbrachten Schulleistungen auf. Ein Kind wäre aufgrund seines kognitiven Potenzials fähig, bestimmte Anforderungen zu erfüllen, schafft es aber aus irgendeinem Grund nicht, dies im schulischen Bereich in entsprechender Form umzusetzen.

 

Dieses Phänomen ist nicht mit äußeren Umständen erklärbar, denn dem Kind fehlen gewisse Grundlagen zum Erlernen einer schulischen Fertigkeit. Diese Störung tritt nicht auf, weil das Kind nicht genügend übt oder nicht klug genug ist. Hier sprechen wir auch von Teilleistungsbeeinträchtigungen. Diese können wahrnehmungsgebunden im auditiven oder visuellen Bereich auftreten, in der räumlichen und zeitlichen Orientierung, im Bereich der Serialität oder Intermodalität (Verknüpfung unterschiedlicher Sinneswahrnehmungen).

 

Oft manifestieren sich Lernstörungen in Form einer Legasthenie oder Dyskalkulie und haben zahlreiche Ursachen, die die Forschung bisher nur teilweise erklären kann. Nach aktuellem Forschungsstand geht man davon aus, dass die Entstehung einer Lernstörung multifaktoriell begünstigt wird. Das heißt genetische, neuropsychologische und entwicklungspsychologische Ursachen, ungünstige Umweltbedingungen und soziale Ursachen können in Summe eine Funktionsstörung verursachen.

 

Es gibt also keinen einzelnen spezifischen Grund, wieso bei einem Kind eine Lernstörung auftritt und bei einem anderen Kind nicht. Daher kann also auch niemand daran schuld sein, schon gar nicht das betroffene Kind!

 

Durchschnittlich sind ein bis zwei Kinder pro Schulklasse von einer Lernstörung betroffen.

 

Um die ganze Geschichte ein bisschen verwirrender zu machen als sie ohnehin schon ist, etablierten sich bezüglich dieser Thematik auch noch unterschiedliche Bezeichnungen. In Österreich spricht man nach wie vor von Legasthenie, während man etwa in Deutschland die Ausprägung im Schweregrad unterscheidet und von einer Lese-Rechtschreibstörung (LRS) oder einer Lese-Rechtschreibschwäche spricht. Legasthenie bedeutet übersetzt nämlich nichts anderes als „Leseschwäche“. Tatsächlich meint man damit aber eigentlich immer die kombinierte Lese- und Rechtschreibstörung (F81.0).

 

In der Schweiz spricht man hingegen hauptsächlich von der Dyslexie, international von der Dyslexia. Bei den meisten Kindern äußern sich ihre orthographischen Probleme allerdings in Form einer isolierten Rechtschreibstörung (F81.1), die bei uns in Österreich dann trotzdem meist als „Legasthenie“ bezeichnet wird.

 

Eine ähnliche Benennungsproblematik ist bei der Dyskalkulie und der Rechenschwäche/-störung (F81.2) zu beobachten.

 

Dazu möchte ich anmerken, dass ich persönlich stets vorsichtig mit dieser Thematik umgehe. Denn es verändert sich natürlich auch die Bewusstseinsebene, wenn ich zu einem Kind sage: „Du BIST Legastheniker.“ Wenn ich hingegen sage: „Du HAST momentan Schwierigkeiten beim Rechtschreiben und ich helfe dir dabei besser zu werden.“, dann meine ich vielleicht genau das Gleiche, aber ich verändere die Selbstwahrnehmung des Kindes nicht.

 

Selbstverständlich gibt es internationale Leitlinien und Definitionen zur Diagnostik und Behandlung von Lernstörungen (umschriebene Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten laut ICD-10-Katalog), allerdings geistert diesbezüglich leider auch viel, teilweise jahrzehntealtes, Halbwissen durch die Lande.

 

Paradebeispiel: Das Kind verwechselt die Buchstaben b und d - um Gottes Willen, es hat natürlich sofort Legasthenie! Tatsächlich haben nahezu ALLE Kinder anfangs vorübergehende Schwierigkeiten, diese beiden Buchstaben zu unterscheiden. Spätestens wenn von der Druck- auf die Schreibschrift umgestellt wird, gibt sich dieses Phänomen wieder.

 

Bei den ein bis zwei Kindern pro Klasse, bei denen es sich nicht gibt, da sollte man dann allerdings unbedingt genauer hinschauen.

 

Legasthenietypische Fehler gibt es nämlich nicht! Legasthene Kinder machen prinzipiell viel mehr (und auch inkonstante) Fehler, als man es im Vergleich zur jeweiligen Altersgruppe oder bezogen auf die Schulform erwarten würde.

 

Lernstörungen sind keine Krankheit und haben auch nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun. Im Gegenteil. Oft sind gerade diese Kinder besonders klug und es ist einem gar nicht erklärbar, warum ausgerechnet der Sohn oder die Tochter so massive Probleme in der Schule haben.

 

Das Kind übt und übt täglich stundenlang, ohne seine Leistungen zu verbessern, es leidet und sein Selbstwert sinkt in den Keller. Die Eltern versuchen noch mehr und mehr mit dem Kind zu üben, ohne dass eine Besserung der Situation eintritt. Paradoxerweise scheint nämlich genau das Gegenteil der Fall zu sein. Das Familienleben leidet verständlicherweise stark unter diesen Bedingungen. Schule ist nur mehr blöd, das Verhältnis zwischen Eltern und Kind ist permanent gespannt, alle sind frustriert und die Frau Lehrer sagt trotzdem, das Kind müsse mehr üben…

 

Der Teufelskreislauf ist in Gang gekommen und ohne professionelle Hilfe schaffen es hier nur mehr die wenigsten Familien aus eigener Kraft, diese für alle Beteiligten enorm belastende Situation zu verändern.

 

Darum ist es meiner Meinung nach völlig egal, ob man eine Lernschwierigkeit jetzt als Schwäche oder Störung bezeichnet, denn ganz gleich wie man das Problem benennt, das Kind braucht in jedem Fall Hilfe.

 

Mein oberstes Prinzip ist daher, etwas FÜR das Kind zu tun, nicht GEGEN eine Lernstörung!

 

Meiner Meinung und Erfahrung nach kann und will jedes Kind erfolgreich lernen, allerdings bezieht sich dies nicht immer auf den schulischen Kontext.

 

Ich versuche daher, in meiner Lerntherapie so wenig „schulisch“ wie möglich zu sein und den Kindern und Jugendlichen Wege und Möglichkeiten zur Entdeckung ihres persönlichen Potenzials aufzuzeigen.